Gastweltmacherin – Birgit Kaiser

10. Oktober 2024 – Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG)

Gastweltmacherin

Birgit Kaiser

Als Schülerin konnte Birgit Kaiser an keinem Reisebüro vorbeigehen, ohne dort einen Katalog mitzunehmen. Den blätterte sie dann zu Hause durch, und das junge Mädchen mag dabei auch von fremden Ländern geträumt haben, die es nicht kannte. „Mit meinen Eltern bin ich nie verreist“, erinnert sie sich. Im Auto ging es höchstens mal vom Kaiserstuhl an den Bodensee. Zum ersten Mal die Koffer packen durfte sie dann mit Onkel und Tante. Die beiden nahmen sie mit in den Urlaub nach Jugoslawien. Es war ein Konfirmationsgeschenk.

13 war sie damals, und sie denkt heute noch gerne an dieses besondere Erlebnis aus Kindertagen. Zwischen damals und heute liegen nicht nur viele Jahre, sondern noch mehr Reisekilometer, die Birgit Kaiser seitdem zurückgelegt hat. Reisen, ihr Wunsch aus Kindheitstagen, ist zu ihrem Beruf geworden: Seit vielen Jahren betreibt sie im Süden der Republik zusammen mit einer Geschäftspartnerin und viel Hingabe ein florierendes Reisebüro mit Niederlassungen in Bahlingen, Freiburg und Emmendingen.

Auf Umwegen zum Traumjob

Vorprogrammiert war ihr Weg in diese Branche keineswegs. „Lernʼ was Richtiges“, meinte ihr Vater, ein bodenständiger Kaiserstühler Weinbauer. Also wurde die Winzertochter eben Bürokauffrau. Und die Frau eines Winzersohnes. Ihr Vater starb früh, sodass sie und ihr Mann den Winzerbetrieb unerwartet übernehmen mussten. Die Arbeit in den Weinbergen, das merkte Birgit Kaiser allerdings schnell, war nicht ihres: „Ich brauchte Leute um mich herum.“ Als die beiden Söhne vier und sechs Jahre alt waren, sprang sie als Schwangerschaftsvertretung im Büro der Winzergenossenschaft ein, der ihr Mann seine Trauben liefert. Danach schaffte sie in einem Reisebüro in der Nähe den Quereinstieg.

Mit ihrer ausgeprägten Begeisterung fürs Reisegewerbe, die von Jugend an nicht gelitten hatte, überzeugte sie die künftige Chefin. „Ich war engagiert, hatte enormen Biss, aber eben nicht das umfangreiche Branchenwissen, das man für die Arbeit in einem Reisebüro braucht“, erinnert sich Birgit Kaiser. „Ich musste mich in die Materie reinarbeiten, und nach und nach habe ich alles Notwendige in der Praxis gelernt. Ich muss aber ehrlich sagen heute: Hätte ich gewusst, wie viel man können muss, hätte ich mich damals nicht getraut, mich zu bewerben.“ 

„Ich brauche Leute um mich herum.“

Birgit Kaiser

Wie eine Ebay-Auktion zum eigenen Reisebüro führte

Über viele Jahre fühlte sie sich wohl an diesem Arbeitsplatz. Dann, 2006, kam der Zeitpunkt neue Wege zu gehen. Mit zwei weiteren Frauen beratschlagten sie, was sich zusammen Neues anfangen ließe. Anfangs war das Damentrio durchaus unschlüssig und erörterte zahlreiche Möglichkeiten, in ein neues Arbeitsleben einzusteigen. Dann spielte Ebay Schicksal. Bei einer Online-Auktion boten die drei auf die Einrichtung eines Reisebüros, das aufgelöst wurde. Dass sie den Zuschlag kriegen würden, dachten die Frauen nicht. Doch die Möbel gehörten ihnen, als sie von einem gemeinsamen Spaziergang zurückkehrten.

Also dann eben ein Reisebüro … in Bahlingen, einem wunderschönen Winzerdorf am nordöstlichen Rande des Kaiserstuhls, fanden sich geeignete Geschäftsräume, in denen die angehenden Unternehmerinnen ihre neu erworbenen Möbel aufstellten und loslegten. 2015 wurde aus dem Trio ein Duo, da die Kollegin der Liebe wegen Heimat und Unternehmen verließ.

Zu zweit erfolgreich mit „reisen hoch drei“

Birgit Kaiser konzentrierte sich von Beginn an aufs operative Geschäft und Gruppenreisen. Ihre Partnerin Heidrun Sanner-Krause auf Buchhaltung, Personal und Werbung. Von Anfang an harmonierten sie prächtig, und über die Jahre wurden aus den Geschäftspartnerinnen, die zusammen Neuland betreten hatten, gute Freundinnen. Bis heute läuft alles rund zwischen ihnen und sie waren sich auch damals schnell einig, ein modernes Konzept auszuprobieren: Sie wollten weg vom klassischen, katalogbasierten Geschäftsmodell hin zur Terminberatung. „Wir wollten uns abheben, Dinge anders machen“, erklärt Birgit Kaiser. Das sollte auch im Namen des Unternehmens zum Ausdruck kommen: „reisen hoch drei – das andere Reisebüro“. Das „hoch drei“ steht für die drei Standbeine, die sie für sich definiert hatten: Reisen in die Region, die klassischen Pauschalreisen sowie Gruppenreisen.

Die Anzahl der Reisebüros hat im Zuge der Corona-Pandemie massiv abgenommen. Belastbare Zahlen gibt es nicht, aber Umfragen gehen von einem Minus im Vergleich zum Jahr 2019 von bis zu 25 Prozent aus. Von einem „Reisebüro-Sterben“ will in der Branche trotz allem niemand reden, und Birgit Kaiser schon gar nicht. „Wir wurden schon immer totgesagt“, weiß sie. „Aber gute Reisebüros wird es immer geben.“

Warum? Schließlich kann man mit ein paar Klicks den Wunschtrip auch selbst übers Internet buchen. Das Netz, meint die Reise-Expertin, betrachte sie als „guten Mitbewerber“, mehr nicht, weil es noch immer jede Menge Leute gibt, die in Sachen Urlaub gute Beratung zu schätzen wissen. Die im Bilde sind, dass es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass eine identische Reise sowohl im Internet als auch im Reisebüro den gleichen Preis aufweisen muss. Oder auch welche, die ihre persönlichen Daten nicht online preisgeben wollen. Unter diesen seien vor allem überraschend viele junge Leute, hat Birgit Kaiser festgestellt, von denen es ja immer heiße, sie tätigten sämtliche Käufe online. 

Krise als Chance: Digitaler Aufbruch im Büro

Sie und ihr Team haben sich mit den neuen Zeiten bestens arrangiert. Sie telefonieren nicht, sondern „teamsen“: Über die Software „Teams“ kann bei internen Besprechungen jeder jederzeit mitreden, sei es von den Büros in Bahlingen und Freiburg aus, der virtuellen Filiale im nahen Emmendingen oder aus dem Home-Office. Die Corona-Pandemie hat „Reisen hoch drei“ konsequent genutzt, um sich technisch neu aufzustellen. Und das zahlt sich jetzt aus, denn inzwischen berät man Kunden auch ganz selbstverständlich im Videochat. 

Diese Aufgabe deckt im Schwerpunkt eine Kollegin ab, die im Home-Office in Frankfurt am Main sitzt, weit weg vom Kaiserstuhl. Birgit Kaiser ist froh, dass sie die Frau dank der modernen Kommunikationstechnologie behalten konnte, als diese mit ihrem Mann wegzog, als der einen neuen Job antrat. Denn leicht ist es nicht heute, gute Mitarbeiter zu finden, und Nachwuchs gibt es aus Sicht der Bahlinger Reise-Expertin so gut wie keinen. Das führt sie auch auf die Ausbildungsstruktur zurück, die ihr wenig zeitgemäß erscheint. In einer Branche, in der sich so vieles rasant verändert hat, könnten die Berufsschulen aktuell nicht Schritt halten.

Seit Corona ist die Mannschaft von „Reisen hoch drei“ um ein Drittel geschrumpft. „Jeder, der seitdem bei uns gekündigt hat, hat die Branche gewechselt“, sagt Birgit Kaiser. „Sie sind alle in andere Jobs gewechselt.“ Corona hat viele Reisekaufleute verunsichert; andere Wirtschaftszweige sind weniger gebeutelt worden.

Generationenwechsel in Sicht

Birgit Kaiser macht das aber nicht zu schaffen; schon gar nicht, seit ihr Sohn Kevin als Geschäftsführer ins Reisebüro eingestiegen ist und im Betrieb Zukunftsperspektiven für sich und seine Partnerin sieht. Zuvor war der gelernte Sport- und Fitnesskaufmann bei Robinson die Karriereleiter hochgeklettert. Dann entdeckte er, dass ihm die Arbeit im Reisebüro liegt. Sie erfüllt ihn und macht ihm Freude. Wie seiner Mutter, die seitdem ganz bewusst kürzertritt und sich immer dienstags ihren „Oma-Tag“ gönnt.

„Unsere Arbeit ist schön, weil wir den Leuten Glücksmomente verschaffen können“, sagt sie. Eine gelungene Reise ist ein Erlebnis, an das sich Menschen noch lange erinnern. In diesem Zusammenhang habe sie stets ein Bild vor Augen, dass ihr eine 81-Jährige Kundin nach der Rückkehr von einer Hurtigruten-Kreuzfahrt zeigte. Es war die erste Reise der alten Dame überhaupt, und die Aufnahme zeigte diese mit strahlendem Gesicht auf dem Bug des Schiffes. Dabei strahlte sie unendliches Glück aus. „Dieses Foto“, sagt Birgit Kaiser, „gibt mir Sinn, wenn ich täglich meine Arbeit mache. Denn was wir tun, bedeutet für unsere Kunden mehr Lebensqualität.“

Bildquelle: Birgit Kaiser 

reisen hoch 3
www.reisen-hoch-drei.de
info@reisen-hoch-drei.de

© DZG

Hintergrund

Gastwelt

Die Gastwelt ist ein vom Fraunhofer IAO und der Denkfabrik im Jahr 2022 neu konzipierter Dienstleistungssektor, der Gastlichkeit und Lebensqualität als gemeinsames Serviceprodukt in den Mittelpunkt stellt. Die Gastwelt ist durch ihre 250.000 mittelständischen Betriebe eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft und mit 6,2 Millionen Mitarbeitenden der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands. Sie setzt sich aus den Gastwelt-Sektoren Beherbergung, Gastronomie, Foodservice, Tourismus und Freizeitwirtschaft zusammen und prägt damit den Alltag von Millionen Menschen. Als Arbeitgeber, Standortfaktor und Innovationsmotor trägt die Gastwelt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität bei und schafft als #HerzUnsererGesellschaft Orte der Begegnung und des sozialen Miteinanders. Ihre enge Verzahnung mit Handel, Mobilität, Digitalisierung und Infrastruktur macht sie zu einer unverzichtbaren Querschnittsbranche mit Millionen Arbeitsplätzen und hoher Standorttreue.

DZG

Die 2021 gegründete Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) vernetzt auf Bundesebene Politik, Wissenschaft, Verbände und hochkarätige Vertreter aller Wertschöpfungssektoren der Gastwelt (Tourismus, Hospitality, Foodservice & Freizeit). Der interdisziplinäre und überparteiliche Thinktank fokussiert sich inhaltlich auf strategische Zukunftsthemen – wie Arbeitskräftesicherung, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und KI – und entwickelt praxisnahe Maßnahmen zur effektiveren Krisenbewältigung.

Die über 200 Mitgliedsunternehmen und Partner der Spitzenorganisation (wie z.B. die Radeberger Gruppe, Deutsche Bahn, Unilever Food, Motel One, Transgourmet, Metro, Center Parcs, Dorint, Bioland, Dussmann, NordCap, Best Reisen, FlixBus, Booking.com, Gerolsteiner) beschäftigen zusammen über 740.000 Mitarbeitende in allen Regionen Deutschlands. Außerdem engagieren sich über 20 führende Verbände und Organisationen aus allen fünf Gastwelt-Sektoren (wie z.B. die Hoteldirektorenvereinigung Deutschland HDV, der Verband Deutscher Freizeitparks VDFU, der Verband Internet Reisevertrieb VIR, der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen, die Deutsche Barkeeper-Union DBU, die Jeunes Restaurateurs Deutschland JRE, der Industrieverband Haus-, Heiz und Küchentechnik HKI) in der DZG.

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